junge Welt, 10.12.2008
Flüchtlinge sind willkommen
Die politische Kampagne »Save me« ist nun auch in Hessen angekommen
Von Gitta Düperthal
Im Club Voltaire in Frankfurt am Main, wo bereits die 68er Strategien zur Gesellschaftsveränderung diskutierten, hat der hessische Flüchtlingsrat jetzt die politische Kampagne »Save me« gestartet. Mit dem Auftakt in der Bankenmetropole ist das vom bayrischen Flüchtlingsrat initiierte bundesweite Projekt nun auch hier präsent. »Wir wollen den verantwortlichen Politikern zeigen, daß die Bevölkerung bereit ist, Flüchtlinge aufzunehmen«, erklärte Timmo Scherenberg den rund 50 überwiegend jungen Leuten in der vergangenen Woche im Club Voltaire.
Die »Save me«-Bewegung fordert, daß auch Deutschland neben den Asylbewerbern jährlich ein zahlenmäßig festgeschriebenes Kontingent schutzbedürftiger Flüchtlinge aufnimmt. Länder wie die USA, Schweden und Großbritannien tun es bereits. Zur Flucht Gezwungene aus Krisengebieten in den Lagern an den Grenzen Nordafrikas sollen so die Chance erhalten, sich in Deutschland dauerhaft eine neue Bleibe aufzubauen. Um dies vorzubereiten, müsse der Druck von unten auf die Politik jetzt möglichst breit erfolgen. In München beteiligten sich an der Kampagne 14- bis 95jährige, vom Akademiker bis zur Krankenschwester. Gesellschaftliche Organisationen wie Amnesty International, das Diakonische Werk, die evangelische Kirche, die Gewerkschaft ver.di, der Paritätische Wohlfahrtsverband und Pro Asyl haben sich der Kampagne angeschlossen. Lokale »Save me«-Gruppen gibt es bereits in 15 Städten, unter anderem in Aachen, Reutlingen, Tübingen, Berlin, Schwerin, Rostock. Weitere Städte wollen mitmachen.
»Wir wollen jetzt ganz groß einsteigen – was können wir tun?«, fragt eine Studentin. Auf diese Frage hat Matthias Weinzierl vom bayrischen Flüchtlingsrat und Erfinder der Kampagne eine ernüchternde Antwort. Die »Festung Europa« funktioniere hervorragend, dämpft er. Die Grenzen sind weitgehend dicht. Deshalb schafft es kaum jemand, in die EU durchzudringen. Eben um das zu ändern, unterstütze man das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Es gelte, Vorurteile zu bekämpfen. Beispielsweise hätten Politiker das Anzünden von Asylbewerberwohnheimen als Argument genommen, um zu behaupten, die Bevölkerung sei generell gegen Flüchtlinge eingestellt.
In München, wo sich bereits fast 1000 Paten für das Ziel einsetzen, mehr Flüchtlinge nach Deutschland zu holen, hätten engagierte Bürger sich beschwert: »Ja, jetzt habe ich mich schon vor zwei Monaten eingetragen, und es ist immer noch keiner da.« Bei den Patenschaften soll es darum gehen, Flüchtlinge auf Ämter zu begleiten, ihnen die Stadt zu zeigen. Warum man den Bürgerwillen, Gutes zu tun, nicht auf bereits in Deutschland lebende Flüchtlinge umlenkt, wird allerdings nicht verständlich.
Weinzierl sieht bei der vom UNHCR initiierten und von den Flüchtlingsinitiativen unterstützten Kampagne einen weiteren kritischen Aspekt: »Es besteht die Gefahr, daß die gleichen Nasen, die hier die Anhörungen machen und Abschiebungen organisieren, sich in Lagern an den Rändern von Afrika als bundesdeutsche Flüchtlingsauswahlagentur aufspielen.« Das müsse unbedingt vermieden werden: »Wenn es eine breite Bewegung gibt, und die Sache ist ins Rollen gekommen, müssen wir uns als schärfste Kritiker betätigen.« Nach Meinung von Weinzierl sollten vor allem Alte, Kranke, Behinderte und alleinerziehende Mütter mit Kindern so eine Chance erhalten. Wer die Auswahl der »Bedürftigen« unter der großen Anzahl von Flüchtlingen tatsächlich treffen soll, darauf bleiben die Vertreter der Flüchtlingsinitiativen die Antwort schuldig

