Auszug aus dem Buch "Vergessene Proteste" von Niels Seibert, 07.01.2009
Aus der Geschichte
Zerstörte Hoffnungen und Exil
Chile, Flucht und Asyl (1973-1979)
Die Chile-Solidaritätsgruppen forderten von Stadträten, Parteien und Kirchen die bedingungslose Aufnahme der Exilant/innen. Wissenschaftler/innen, Wissenschaftsverbände und Hochschulen bemühten sich um Stellen und Stipendien für geflüchtete Akademiker/innen. amnesty international übernahm die bundesweite Koordination und Vermittlung von Unterkünften und Arbeitsplätzen. Aus einem neuen Fonds konnten Flugkosten und Starthilfen für chilenische Flüchtlinge bezahlt werden. Frankfurt und Hamburg sicherten schon früh die Aufnahme von Flüchtlingen zu, ebenso zahlreiche hessische Städte und Gemeinden, ebenso hatten sich München, Augsburg, Nürnberg, Stuttgart, Tübingen, Ludwigshafen, Bad Kreuznach, Mainz, Berlin und Kiel zur Aufnahme bereit erklärt. Ende November 1973 waren 1300 Wohnmöglichkeiten angeboten worden, aber noch kein Flüchtling in der BRD angekommen.
Mit diesen Initiativen wuchs der Druck auf die Bundesregierung, endlich Chile-Flüchtlinge aufzunehmen. Erst sieben Wochen nach dem Putsch reagierte die Bundesregierung und schickte Vertreter des Außenministeriums und der Bundesanstalt für Arbeit nach Chile. (...)
Ende November, als in Schweden schon über 300, in der Schweiz 200, in Österreich 100 und zuvor schon in Frankreich, Italien und der DDR Flüchtlinge eingereist waren, war in der Bundesrepublik noch kein einziger Flüchtling angekommen. Erst im Dezember landeten die ersten Chilen/innen in Frankfurt am Main. Bis Jahresende kamen rund 100. (...)
Brandts Zusage vom Dezember 1973, so viele Flüchtlinge wie kein anderes Land aufzunehmen und der Quote „nach oben grundsätzlich keine Grenzen“ zu setzen, erwies sich als leeres Versprechen. Zwar konnten bis Ende Februar 1974 immerhin 576 lateinamerikanische Flüchtlinge einreisen, bis Anfang 1975 etwa 1.200 und bis ende 1976 etwa 1.900. Im Verhältnis zur Größe und Einwohnerzahl war das im Vergleich zu Nachbarländern wie Frankreich, Belgien, Niederlande, Dänemark, Schweden und der DDR jedoch sehr bescheiden.
Die ersten Chile-Flüchtlinge wurden in Frankfurt herzlich empfangen. Sie erhielten 300 DM Begrüßungsgeld und für jedes weitere Kind 75 DM. In Hanau wurden ihnen Unterkünfte hergerichtet, Blumen aufgestellt und alle zum Essen eingeladen. Chile-Solidaritätsgruppen spendeten Möbel und technische Geräte. Sechs Tage nach der Ankunft begannen Deutsch-Intensivkurse an der Volkshochschule, für die die Stadt Frankfurt aufkam. (...)
Eine wichtige Aufgabe der Solidaritätsbewegung wurde die Hilfe und Betreuung für Chilen/innen: „Die Komitees sollen sich als Sachwalter der Interessen der Flüchtlinge verstehen.“ Menschen aus der Chile-Solidarität begleiteten die Flüchtlinge bei Behördengängen, halfen bei Wohnsitzanmeldung, Registrierung bei der Ausländerbehörde, Beantragung der Arbeitserlaubnis, Anträgen auf Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe, ebenso bei Arztbesuchen, der Organisation von Deutsch-Kursen und der Sachhilfe für Kinder wie die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Winterkleidung. Sie kümmerten sich um Arbeitsplätze, Unterhaltszuschüsse und Patenschaften finanzkräftiger Personen, die Flüchtlingen monatlich einen festen Betrag zahlten. Die Chile-Komitees übernahmen damit originäre Aufgaben des Staats. Diese karitative Aufgabe sahen sie als einen politischen Schritt, um genau diese Leistungen von der Regierung zu erzwingen.

